Meinung
14.02.2021
Die Krise als Chance nutzen

Warum Tirol sehr wohl über Chancen im sanften Tourismus nachdenken muss.

Der sanfte Tourismus soll die falsche Antwort auf die Krise im Tourismus sein? Dem muss ich entschieden entgegentreten. Die seit einem Jahr alles beherrschende Pandemie sollte Anlass dafür sein, vorbehaltlos neu zu denken.

"Gehts der Wirtschaft gut, gehts uns allen gut." Dieses Leitmotiv geht immer noch ins Ohr. Es stimmt aber nur bedingt. Es übersieht, dass Natur- und Landschaftsschutz ins Hintertreffen geraten, wenn wirtschaftliche Ziele die alles entscheidenden sind. Neben der herkömmlichen Tourismuswirtschaft, die bis zum Ausbruch der Pandemie florierte, verkümmerte die Natur, obwohl sie wesentlicher Bestandteil unseres Seins ist. Spätestens jetzt offenbart sich die Anfälligkeit des eindimensionalen Tourismusangebotes. Ohne Abkehr von diesem alten, anlagenbezogenen Angebot hin zu einer neuen, vielfältigeren Strategie verlieren wir alle. Ein Denkanstoß, um das Spektrum von touristischem Wirtschaften zu erweitern, sind die Bergsteigerdörfer. Die Bergsteigerdörfer und ihre Bewohner wissen, dass Mensch und Natur im Einklang stehen müssen. Ganz im Sinne der Alpenkonvention erfolgen dort wirtschaftliche Entscheidungen unter ökologischen Prämissen. Es gilt, eine Balance zu finden, in der ein erfolgreiches Wirtschaften möglich ist, dies aber nicht auf Kosten natürlicher Ressourcen oder nachkommender Generationen.

Ich erinnere an den vergangenen Sommer, in dem es gelungen ist, viele Menschen für den naturnahen Tourismus zu begeistern. Wandern und Bergsteigen waren unangefochten die Lieblingsbeschäftigungen der Österreicher. Wie viel breiter könnte das Angebot im Winter sein. Die Regionen, die neben dem Produkt des Alpinskifahrens auch zukünftig vermehrt auf andere "Pferde" setzen, werden reicher sein. Der Mensch sehnt sich nach Ruhe und Erholung in seinem Urlaub. Das hat nichts mit Stillstand zu tun. Das heißt auch nicht, dass es das Alpinskifahren nicht mehr geben soll. Nein, die bestehenden Ressourcen sind zu nutzen, aber als Ergänzung dazu braucht es andere Angebote. Naturnahe Landschaften und alpine Freiräume, ökologisch intakte Gewässer, funktionierende Ökosysteme, artenreiche Flora und Fauna sind Basis für den Tourismus im Alpenraum. Daneben eine gelebte und gepflegte Kultur. Das selbst ernannte "wirtschaftliche Zugpferd Tirols" erlebt eine Krise in der Krise. Und wir erleiden sie mit, weil wir uns in dessen Abhängigkeit begeben haben. Im alpinen Massentourismus ist an vielen Orten der Zenit überschritten und negative Auswirkungen haben sich manifes­tiert. Man denke nur an die Problematik von Grundstückspreisen, die für einheimische Normalverdiener unerschwinglich werden, oder regelmäßige kilometerlange Staus zu den touris­tischen Zentren. In unsicheren Zeiten wie diesen ist es eigentlich unverständlich, dass wir darüber diskutieren müssen, wann der konsumorientierte und intensive Massentourismus wiederkommen wird. Gerade jetzt bieten sich einzigartige Möglichkeiten, die aktuelle Krise als Chance zu betrachten. Und ja, mit den Bergsteigerdörfern alleine werden wir das "Pferd" nicht wieder zum Galoppieren bringen. Aber sie sind ein Ansatz. Einer unter vielen.